Die Einsteiger-Serie · Episode 4 · ~5 min
Was die Farbe verrät — und was nicht
Die sieben Deckblattfarben von Candela bis Oscuro, wie sie entstehen — und warum dunkel nicht automatisch stark bedeutet.
Sieben Farben, eine Skala
ModeratorinHeute geht es um die Farbe des Deckblatts. Ich gebe zu, bisher dachte ich schlicht: je dunkler die Zigarre, desto stärker.
ExperteDann bist du in bester Gesellschaft, denn genau das ist die am häufigsten missverstandene Information der Zigarrenwelt. Die Farbskala zu kennen lohnt sich. Ihr blind zu vertrauen nicht.
ModeratorinDann fangen wir mit der Skala an. Wie viele Farben gibt es?
ExperteÜblich sind sieben Farbstufen, von hell nach dunkel. Ganz am hellen Ende steht Candela, ein grünliches Blatt, das auch Double Claro genannt wird. Dann kommt Claro, hell und cremig-beige. Danach Colorado Claro, ein helles Braun.
ModeratorinDas ist die helle Hälfte. Und weiter?
ExperteIn der Mitte das Colorado, rötlich-braun. Dann Colorado Maduro, ein dunkles Rotbraun. Danach Maduro, dunkelbraun. Und ganz am Ende Oscuro, fast schwarz.
ModeratorinLangsam, das muss ich einmal wiederholen. Candela, Claro, Colorado Claro, Colorado, Colorado Maduro, Maduro, Oscuro.
ExpertePerfekt. Von grünlich über cremig-beige und die braunen Mitteltöne bis fast schwarz.
ModeratorinEin grünliches Deckblatt hätte ich jetzt nicht erwartet. Begegnen mir denn alle sieben Stufen im Laden?
ExperteIn der Praxis vor allem die Töne zwischen Claro und Maduro. Candela und Oscuro sind die seltenen Ränder der Skala. Aber es lohnt sich, die ganze Reihe zu kennen.
Sortiert bis ins kleinste Detail
ModeratorinNehmen die Hersteller diese Abstufungen wirklich so genau?
ExperteGenauer, als du denkst. Am Ende der Produktion steht die Escogida, die Farbsortierung. Geübte Sortierer ordnen die fertigen Zigarren nach Dutzenden von Farbabstufungen.
ModeratorinDutzende? Du hast doch gerade von sieben Stufen gesprochen.
ExperteDie sieben Stufen sind die grobe Skala für uns. Die Sortierer arbeiten viel feiner, weit feiner, als die Skala vermuten lässt.
ModeratorinUnd wozu dieser ganze Aufwand?
ExperteErst nach dieser Sortierung werden die Kisten bestückt, jede mit Zigarren desselben Tons.
ModeratorinDeshalb sieht eine geöffnete Kiste so aus, als wäre jede Zigarre die Kopie der anderen.
ExperteGenau deshalb. Die Reihe unter dem Deckel soll wirken wie aus einem Guss.
Wie die Farbe entsteht
ModeratorinWoher kommen diese Farbunterschiede überhaupt? Verschiedene Pflanzen?
ExperteDie Farbe eines Deckblatts ist das Ergebnis seiner ganzen Biografie. Sie beginnt auf dem Feld. Schattenanbau unter Tuch ergibt dünne, helle Blätter. Volle Sonne ergibt dickere und dunklere.
ModeratorinUnter Tuch? Da wird der Tabak tatsächlich zugedeckt?
ExperteJa, beim Schattenanbau wächst er unter Tuch. Weniger Sonne heisst dünnere, hellere Blätter. Und noch etwas spielt mit. Je höher ein Blatt an der Pflanze sitzt, desto mehr Sonne fängt es ein.
ModeratorinDas Feld ist also die erste Hälfte der Geschichte. Und die zweite?
ExperteDie Verarbeitung. Je länger und wärmer ein Blatt fermentiert und je länger es reift, desto dunkler wird es.
ModeratorinAlso machen Zeit und Wärme das Blatt dunkel.
ExperteEben die beiden. Der klassische Maduro verdankt seinen tiefen Ton einer besonders langen, intensiven Fermentation. Sein Dunkel ist buchstäblich Reifearbeit.
ModeratorinIch hätte fast vermutet, da wird nachgeholfen. Mit Farbstoffen.
ExperteEben nicht. Der Maduro-Ton entsteht durch Fermentation, nicht durch Farbstoffe. Nur eine Farbe entsteht auf umgekehrtem Weg. Das grüne Candela wird schnell und mit Wärme getrocknet. Diese schnelle Trocknung bewahrt das Chlorophyll im Blatt, daher das Grün.
Was die Farbe verrät — und was nicht
ModeratorinJetzt zur Gretchenfrage. Was darf ich aus der Farbe nun wirklich herauslesen?
ExperteAls Tendenz durchaus einiges. Helle Deckblätter bringen oft cremige, dezente, leicht grasige Noten mit. Dunkle Maduro-Blätter gehen eher Richtung Süsse, Kakao und Kaffee.
ModeratorinHell gleich cremig und dezent, dunkel gleich süss, mit Kakao und Kaffee. Das klingt doch nach einer brauchbaren Faustregel.
ExperteFür die Aromen, ja. Aber jetzt kommt das grosse Aber.
ModeratorinAber?
ExperteAber die Farbe beschreibt nur das Deckblatt. Die Stärke einer Zigarre bestimmt vor allem die Einlagemischung. Und die siehst du von aussen nicht.
ModeratorinDa ist sie wieder, die unsichtbare Einlage aus Episode zwei.
ExperteGenau die. Die Farbe zeigt dir die Hülle, nicht das Innenleben. Es gibt dunkle Zigarren, die mild und süsslich rauchen. Und es gibt helle, die es richtig in sich haben.
ModeratorinDas heisst, ich kann mich mit meinem Blick auf die Farbe gründlich täuschen.
ExperteWenn du sie als Stärkeanzeige liest, ja. Als Hinweis auf die Aromen gelesen, hilft sie dir dagegen wirklich weiter.
ModeratorinDann war mein Merksatz von vorhin also falsch. Dunkel heisst nicht stark.
ExperteDie Farbe ist ein Hinweis auf den Aromencharakter, kein Stärkegrad. Wer nach dem Motto dunkel gleich stark einkauft, kauft an den eigenen Vorlieben vorbei.
ModeratorinAlso lese ich die Farbe künftig als Geschmackshinweis und nicht als Warnstufe.
ExperteSo ist es. Und bei der Stärke bleiben wir gleich, denn in der nächsten Episode klären wir, was Stärke bei einer Zigarre eigentlich bedeutet — und warum sie nicht dasselbe ist wie Geschmack.