CIGARRO

Die Einsteiger-Serie · Episode 5 · ~5 min

Stärke ist nicht Geschmack

Was «stark» bei einer Zigarre wirklich misst, warum Aromenfülle etwas anderes ist — und wie der Einstieg gelingt, ohne dass der Abend kippt.


Was «stark» wirklich heisst

ModeratorinLetztes Mal habe ich gelernt, dass mir die Deckblattfarbe nichts über die Stärke verrät. Heute will ich es genau wissen. Was meinen Kenner eigentlich, wenn sie eine Zigarre stark nennen?

ExperteNicht das, was die meisten vermuten. Wenn Aficionados von einer starken Zigarre sprechen, meinen sie nicht den Geschmack. Sie meinen die Wirkung.

ModeratorinDie Wirkung. Also das Nikotin.

ExperteRichtig. Stärke bezeichnet die spürbare Nikotinwirkung einer Zigarre. Ein leichtes Wärmegefühl. Bei kräftigen Formaten auch ein deutlicher Druck, den erfahrene Raucher kennen.

ModeratorinUnd woher kommt diese Wirkung? Lass mich raten. Wieder aus der unsichtbaren Einlage.

ExperteDu kennst das Muster dieser Serie inzwischen. Vor allem aus der Einlagemischung. Dort gibt es ein Blatt namens Ligero. Es sitzt in den oberen Etagen der Pflanze und ist entsprechend sonnenverwöhnt. Je höher sein Anteil in der Mischung, desto stärker die Zigarre.

ModeratorinOben an der Pflanze heisst mehr Sonne. Das hatten wir bei den Deckblattfarben schon einmal.

ExperteDasselbe Prinzip, diesmal im Inneren. Und damit zur Unterscheidung, um die sich heute alles dreht. Von der Stärke zu trennen ist die Aromenintensität. Also die Frage, wie üppig und vielschichtig eine Zigarre schmeckt.

ModeratorinMoment. Ist das nicht dasselbe in zwei Worten? Was viel Wirkung hat, schmeckt doch bestimmt auch nach viel.

ExperteGerade nicht. Eine Zigarre kann aromatisch reich sein und trotzdem mild. Und eine sehr starke kann geschmacklich eintönig bleiben.

ModeratorinDann verrät mir die Stärke also auch nichts über die Qualität.

ExperteGar nichts. Stärke und Qualität haben nichts miteinander zu tun. Diese Unterscheidung ist vielleicht die nützlichste Lektion für den ganzen Einstieg.

ModeratorinWarum ausgerechnet die?

ExperteWeil sie dich vor den beiden klassischen Fehlgriffen bewahrt. Vor der Zigarre, die dich überfordert. Und vor der, die dich langweilt.

Mild, mittel, kräftig

ModeratorinWie sortiert die Branche das? Gibt es eine Skala wie bei den sieben Farben?

ExperteEine gröbere. Üblich sind drei Stufen: mild, mittel und kräftig. Eine verbindliche Norm gibt es allerdings nicht. Was ein Hersteller angibt, ist seine Selbsteinschätzung.

ModeratorinDas heisst, mild ist nicht bei jedem Hersteller gleich mild.

ExperteSo ist es. Die drei Stufen sind eine Orientierung, kein Messwert. Grob umreissen lassen sie sich trotzdem.

ModeratorinDann fang bei mild an.

ExperteMilde Zigarren tragen oft helle Deckblätter und setzen auf cremige, dezente Aromen. Die Nikotinwirkung lassen sie kaum spüren.

ModeratorinHelle Hülle, cremige Aromen. Da ist die Tendenz aus der Farben-Episode wieder.

ExperteHier fügt sie sich tatsächlich zusammen. Die mittlere Stärke ist die breite Mitte des Marktes. Genug Substanz für Charakter, ohne zu fordern.

ModeratorinUnd kräftig?

ExperteKräftige Zigarren haben einen hohen Ligero-Anteil und entfalten eine deutliche Wirkung. Sie gehören in erfahrene Hände, zu einem gefüllten Magen und in eine ruhige Stunde.

ModeratorinErfahrene Hände, gefüllter Magen, ruhige Stunde. Das klingt beinahe nach einer Warnung.

ExperteEher nach einer Bedingung. Wer sie erfüllt, hat an einer kräftigen Zigarre seine Freude. Wer sie übergeht, hat einen unangenehmen Abend vor sich.

Der Plan für den Einstieg

ModeratorinDann werde ich konkret. Ich stehe demnächst zum ersten Mal vor dem Regal. Wonach greife ich?

ExperteBeginne mild bis mittel, und wähle ein kleineres Format. Steigern kannst du dich jederzeit. Aber eine zu starke Zigarre verdirbt dir den Abend.

ModeratorinLieber zu vorsichtig als zu mutig.

ExperteBeim Einstieg, ja. Dazu kommen zwei Regeln für den Moment selbst. Die erste: Rauche nie auf leeren Magen. Eine Mahlzeit vorher dämpft die Nikotinwirkung spürbar.

ModeratorinUnd die zweite Regel?

ExperteRauche langsam. Wer hastig zieht, macht die Zigarre heisser, schärfer und stärker zugleich.

ModeratorinHeisser, schärfer und stärker. Drei Verschlechterungen mit einem einzigen Fehler.

ExperteDeshalb ist das Tempo so wichtig. Ruhig geraucht bleibt dieselbe Zigarre deutlich zahmer.

ModeratorinUnd wenn es mich trotzdem einmal erwischt? Woran merke ich das überhaupt?

ExperteAn Schwindel oder einem flauen Gefühl. Für diesen Fall gibt es einen verbreiteten Rat: die Zigarre ablegen, hinsetzen, Wasser trinken und etwas Zuckerhaltiges essen.

ModeratorinAblegen, hinsetzen, Wasser, etwas Süsses. Das kann ich mir merken.

ExperteUnd am besten brauchst du es nie. Mild bis mittel, voller Magen, ruhiges Tempo — wer sich daran hält, kommt selten in diese Lage.

Mild ist keine Anfängerstufe

ModeratorinEine Sache wurmt mich noch. Wenn ich mild beginne, bin ich dann so etwas wie eine Fahrschülerin? Muss ich irgendwann in die kräftige Klasse aufsteigen?

ExperteDas ist der letzte Irrtum, den wir heute ausräumen. Mild ist keine Anfängerstufe, die es zu überwinden gilt.

ModeratorinSondern?

ExperteEin eigener, vollwertiger Charakter. Viele grosse Zigarren der Welt sind leise.

ModeratorinLeise Grösse. Der Satz gefällt mir.

ExperteNimm ihn mit ins Fachgeschäft. Wer Stärke mit Qualität verwechselt, sucht am falschen Ort. Du suchst nicht die stärkste Zigarre, sondern deine.

ModeratorinDamit weiss ich, was ich kaufen werde. Bleibt die Frage, was ich mit der Zigarre anstelle, sobald ich sie in der Hand halte.

ExperteDort setzen wir an: Dem ersten Schnitt widmet sich die nächste Episode — Guillotine, Punch und V-Cut und darum, warum der Anschnitt über den Zug entscheidet.

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