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Die Banderole: Ein Papierring erobert die Welt
Kein Bestandteil der Zigarre ist so entbehrlich wie die Anilla — und keiner hat so viel Wirkung. Die Überlieferung schreibt die Erfindung des kleinen Papierrings Gustave Bock zu, einem europäischen Einwanderer im Havanna des 19. Jahrhunderts; die gängigen Datierungen schwanken zwischen den 1830er- und 1850er-Jahren. Bocks Problem war handfest: Europäische Hersteller verkauften minderwertige Zigarren unter kubanischen Namen. Also liess er um jede seiner Zigarren ein Band mit seiner Signatur legen — ein Echtheitsnachweis aus Papier. Die Idee überzeugte so schnell, dass wenige Jahrzehnte später praktisch alle kubanischen Exporteure ihre Zigarren banderolierten.
Die schönere Erklärung kennt fast jeder Raucher: Die Banderole schütze die weissen Handschuhe feiner Herren und Damen vor Tabakflecken. Sie wird seit Generationen weitererzählt, weil sie so gut klingt — eine belastbare Quelle dafür gibt es nicht. Als Ursprungsgeschichte ist sie Legende; als Anekdote bleibt sie unverwüstlich.
Aus dem Schutzsiegel wurde bald eine Bühne. Prägedruck, Goldfarbe, Wappen und Medaillen machten die Anilla zur kleinsten Reklamefläche der Welt und zum Aushängeschild jeder Marca — und nebenbei zu einem eigenen Sammelgebiet, der Vitolphilie. Bis in die Gegenwart ist die Banderole zudem ein Prüfstein geblieben: Verwaschene Farben und fehlende Prägung gehören zu den verlässlichsten Warnzeichen für Fälschungen.
Bleibt die Frage, die an jedem Loungetisch irgendwann fällt: abnehmen oder dranlassen? Beides ist erlaubt — die strenge Abnehm-Regel ist britische Überlieferung, auf dem Kontinent sah man es nie so eng. Praktisch spricht einiges fürs Warten: Die Banderole ist geklebt, und an der kalten Zigarre reisst beim Ablösen schnell das Deckblatt. Nach ein paar Minuten löst die Wärme den Kleber von selbst — mehr dazu im Zigarren-Knigge.