Ιστορίες
Ist Kuba noch das Mass aller Dinge?
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Über ein Jahrhundert lang war die Frage nach der besten Zigarre der Welt keine Frage: Die Antwort hiess Havanna. Seit einigen Jahren aber wird sie in Lounges und Fachgeschäften wieder ernsthaft gestellt — von Menschen, die den Habano lieben und trotzdem zögern, bevor sie zur Kiste greifen. Was ist da passiert? Eine Bestandesaufnahme in vier Kapiteln — und ein Fazit.
Der Preissprung
Die Zäsur lässt sich datieren. 2020 verkaufte der britische Konzern Imperial Brands seine Hälfte am Vermarkter Habanos S.A. an ein asiatisches Investorenkonsortium. Ab Mai 2022 galt eine neue, weltweit vereinheitlichte Preisarchitektur: Die Prestigelinien — Cohiba, Trinidad, dazu Montecristo 1935 und Romeo y Julieta Línea de Oro — wurden überall auf das Niveau des Hongkonger Markts gehoben, eines der teuersten der Welt. In vielen europäischen Märkten bedeutete das für Cohiba eine Verzweieinhalb- bis Verdreifachung, für Trinidad das Drei- bis Vierfache; der übrige Katalog verteuerte sich um etwa fünf bis zwanzig Prozent. Branchenberichten zufolge geschah das auf Betreiben der neuen Eigentümer. Seither wird jährlich nachjustiert — zuletzt moderater, aber stets nach oben. Aus der teuren Zigarre ist ein Luxusgut geworden, das sich viele langjährige Kunden schlicht nicht mehr leisten.
Die Strategie dahinter
Gemessen an den eigenen Zahlen geht der Plan auf. Habanos S.A. meldete für 2023 einen Rekordumsatz von 721 Millionen US-Dollar und für 2024 erneut einen von 827 Millionen — nachdem der Umsatz in den Jahren vor der Preisreform lange zwischen rund 500 und 570 Millionen gependelt hatte. Getragen wird das Wachstum vom obersten Segment: limitierte Editionen, exklusive Formate, Sammlerobjekte. Und es hat eine klare Geografie — China ist zum umsatzstärksten Einzelmarkt aufgestiegen, die Region Asien-Pazifik steuert rund einen Viertel des Umsatzwerts bei; dahinter folgen Spanien, die Schweiz, Grossbritannien und Deutschland. Die Kritik daran ist so alt wie jede Luxusstrategie: Ein Genussmittel, das zum Statussymbol und Spekulationsobjekt umgebaut wird, verliert die Raucher, die es über Jahrzehnte getragen haben. Habanos nimmt das erkennbar in Kauf.
Die Qualitätsfrage
Parallel zur Preisdebatte lief eine zweite, unbequemere. Kubas Landwirtschaft steckt in einer tiefen Krise: Es fehlt an Treibstoff, Dünger und Material, und am 27. September 2022 traf Hurrikan Ian die Vuelta Abajo mit voller Wucht — rund neunzig Prozent der Trockenscheunen in Pinar del Río wurden beschädigt oder zerstört. In der Saison darauf wurde nur etwa die Hälfte der geplanten Anbaufläche bepflanzt, gut 5000 statt 11 000 Hektaren: die kleinste Tabakernte seit Beginn der Aufzeichnungen. In dieselbe Zeit fallen die Klagen vieler Aficionados über zu jung wirkende Tabake und verstopfte Zigarren mit hartem Zug — Einzelbeobachtungen, keine Statistik, aber sie häuften sich auffällig in einer Phase, in der die Nachfrage das Angebot weit überstieg. Fairerweise gehört dazu: Konstruktionsschwankungen hat es beim Habano immer gegeben, die staatlichen Manufakturen prüfen den Zugwiderstand längst maschinell, und wem eine gut gereifte aktuelle Kiste begegnet, der findet darin nach wie vor Zigarren von seltener Klasse. Nur ist genau das zur Lotterie geworden, die sich beim heutigen Preis schwerer verzeiht als früher.
Die Neue Welt auf Augenhöhe
Während Kuba mit sich selbst rang, hat die Konkurrenz geliefert. Nicaragua, die Dominikanische Republik und Honduras — aufgebaut nicht zuletzt von kubanischen Exilfamilien — stehen für konstante Konstruktion, gereifte Tabake und eine Innovationsfreude, die der kubanischen Tradition fremd ist: Blends über Ländergrenzen hinweg, experimentelle Fermentationen, ein lebendiges Boutique-Segment. Seit Mitte der 2010er-Jahre ist Nicaragua der grösste Lieferant handgefertigter Premiumzigarren für den US-Markt; 2025 stammten rund sechzig Prozent der dortigen Importe von dort. In den Verkostungen der Fachmagazine landen Zigarren aus der Neuen Welt regelmässig auf den vordersten Plätzen — nicht als Achtungserfolg, sondern als Normalfall. Preislich spielt vieles davon in einer Liga, die dem Habano vor 2022 gehörte. Wie diese Aufholjagd begann, erzählt der Artikel über die Neue Welt.
Was bleibt
Zwei Dinge lassen sich nicht wegdiskutieren. Das Terroir der Vuelta Abajo ist unerreicht geblieben — den erdig-würzigen Charakter eines grossen Habano hat trotz kubanischem Saatgut und kubanischem Wissen kein anderes Land reproduziert. Und die historische Referenz bleibt bestehen: An Kuba misst sich diese Branche seit dem 19. Jahrhundert. Aber die Frage, ob Kuba das Mass aller Dinge ist, hat heute keine einzelne Antwort mehr. Sie hängt davon ab, welches Mass man anlegt — Herkunft und Mythos, handwerkliche Konstanz oder das Verhältnis von Preis und Genuss. Beim ersten Massstab hat Kuba sein Monopol behalten. Bei den beiden anderen muss es sich dem Vergleich stellen wie jeder andere auch — und verliert ihn öfter, als es dem Mythos guttut.